Diese Erzählung ist frei erfunden. Reale Orte an der Mosel werden als Kulisse verwendet; technische Vorgänge und Funde sind Teil der Romanhandlung.
Kurzer Rückblick: Unter einer Brücke am Leukbach fanden Andreas und Dieter eine Kapsel. Eine rätselhafte Nachricht zeigte einen Kanister an einem Moselkai und die Uhrzeit 03:18.
Um drei Uhr morgens lag Nebel über dem Hafen. Andreas und Dieter parkten in einiger Entfernung und gingen das letzte Stück zu Fuß. Dieter trug die abgeschirmte Dose mit dem dunklen Speicherband. Andreas hatte die Kopie der Tafel zusammengerollt unter dem Arm.
„Wir sehen uns um und fassen nichts an“, sagte Dieter.
„Das hast du am Bach auch gesagt.“
„Und genau deshalb haben wir noch alle Finger.“
Am Kai fanden sie den Poller aus dem Foto. Der cremefarbene Kanister stand daneben, als hätte ihn jemand erst vor wenigen Minuten abgestellt. Er roch weder nach Benzin noch nach Diesel. Statt eines Verschlusses besaß er eine runde Vertiefung.
Dieter nahm die Metallkapsel aus der Dose. Sie passte genau hinein. Um 03:18 begann der Kanister zu summen. Auf seiner Oberfläche erschienen Linien: erst die drei Bögen, dann ein Netz aus Pfeilen und Kammern. Andreas breitete die Folie auf dem Boden aus. Das neue Bild ergänzte die zweite Schrift der Tafel.
„Das ist kein Behälter“, sagte Dieter. „Es ist ein Modell.“
Die Linien zeigten einen Kreislauf. Energie floss nicht in eine einzelne Kammer, sondern wurde in vielen kleinen Abschnitten aufgenommen, verteilt und wieder abgegeben. Jeder Abschnitt übernahm nur einen geringen Teil. Gemeinsam bildeten sie einen Speicher, der weder großen Druck noch extreme Hitze benötigte.
Andreas dachte an die alte Darstellung einer Tankstelle für Dinge, die noch gar nicht gebaut waren. „Interfuel“, sagte er. „Wir haben immer nach einem besonderen Treibstoff gesucht.“
„Dabei geht es vielleicht gar nicht um den Stoff“, antwortete Dieter. „Sondern um die Übergabe. Viele kleine Speicher, die Energie miteinander teilen.“
Das Summen wurde stärker. Im Wasser neben der Kaimauer erschienen blasse Lichtpunkte. Sie wanderten nicht mit der Strömung, sondern hielten ihre Position. Dieter stellte den Empfänger auf den Boden. Das Gerät zeigte dieselbe Folge wie unter der Brücke, nun ergänzt um eine neue Gruppe: vier kurze, zwei lange, vier kurze Impulse.
Andreas zeichnete sie ab. „Eine Adresse?“
„Eine Warnung vielleicht.“
Plötzlich erloschen die Linien auf dem Kanister. Vom anderen Ende des Kais kam das Geräusch von Schritten. Andreas und Dieter zogen sich hinter einen Stapel leerer Transportkisten zurück. Eine Gestalt blieb beim Poller stehen, berührte den Kanister und fluchte leise. Dann hob sie ein Telefon ans Ohr.
„Sie waren hier“, sagte die fremde Stimme. „Die Kapsel ist weg.“
Dieter sah Andreas an. Damit war klar, dass das Foto keine Einladung gewesen war. Jemand hatte sie geprüft oder in eine Falle gelockt.
Die Gestalt ging weiter, ohne den Kanister mitzunehmen. Erst als die Schritte verklungen waren, kamen Andreas und Dieter hervor. Im Innern der runden Vertiefung lag nun ein dünnes Plättchen. Darauf war eine Straße eingeritzt, die von Borg in Richtung Mosel führte. Daneben stand ein einziges Wort: ITER.
„Lateinisch für Weg“, sagte Andreas.
Dieter schüttelte den Kopf und zeigte auf den Rand. Dort war ein frischer Kratzer, der nicht zur lateinischen Beschriftung passte: zwei Buchstaben, A und D.
Ihre eigenen Anfangsbuchstaben.